Carsharing im Land der Autoliebhaber

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Carsharing erfreut sich immer größerer Beliebtheit, schon längst gehören Carsharing-Fahrzeuge zum Stadtbild deutscher Großstädte. Dass der Markt gerade in Deutschland, dem Land der Premium-Autobauer und Autoliebhaber, boomt, wundert nicht – schließlich arbeiten die meisten Carsharing-Agenturen eng mit Automobilherstellern und renommierten Autovermietungen zusammen und ziehen durch entsprechende Preise und gezielte App-Entwicklungen gerade jüngere Leute an. Ob das reicht, um das Statussymbol Auto von seinem Thron zu stürzen, bleibt fraglich.

Unabhängig, ungebunden, ungezwungen

Die Idee hinter dem Modell Carsharing ist simpel: Statt eines eigenen Fahrzeugs teilt man sich ein Auto mit anderen – man zahlt und nutzt es tatsächlich nur, wenn man es auch wirklich braucht. Der Vorteil liegt klar auf der Hand: keine laufenden Kosten, keine Werkstattbesuche und, meistens zumindest, nicht einmal mehr die lästige Parkplatzsuche. Meistens wird eine monatliche Grundgebühr gezahlt, alle Fahrten werden entsprechend abgerechnet.

Arten des Carsharing

Carsharing ist nicht gleich Carsharing, man unterscheidet zwischen fünf verschiedenen Arten:

1. Carsharing Ein Auto wird von mehreren Leuten genutzt
2. Corporate Carsharing Unternehmen bieten firmeninterne Fahrzeugflotten an oder arbeiten mit Carsharing-Anbietern zusammen
3. Stationsbasiertes Carsharing Der Wagen wird an einer Station abgeholt und muss nach der Nutzung an die gleiche Stelle zurückgebracht werden
4. Free-Floating Die Fahrzeuge stehen frei in der Stadt, sind meistens durch eine mobile App zu orten und zu öffnen, dürfen nach der Nutzung frei wählbar im Geschäftsgebiet wieder abgestellt werden
5. Peer-to-Peer Carsharing oder privates Carsharing Über Internetportale bieten Privatleute ihre Fahrzeuge zum „Sharen“ an, es entstehen private Kreise, die sich Autos teilen


Die Vorteile beim Carsharing im Überblick

  • Mit Ausnahme der niedrigen Grundgebühr zahlt man wirklich nur, wenn man auch fährt
  • Man muss sich nicht mehr um Werkstatttermine kümmern
  • Neue Autos: Carsharing-Fahrzeuge sind meistens neu, das bedeutet mehr Sicherheit und die aktuellsten technischen Entwicklungen mit an Bord
  • Nahezu alle Carsharing-Fahrzeuge sind mit einem Navigationsgerät ausgestattet
  • Für jeden was dabei: Ob Cabrio, Smart, Transporter oder Limousine, es werden verschiedene Fahrzeug-Typen beim Carsharing angeboten
  • Kein eigener Parkplatz vonnöten
  • Umweltbewusst: Ein sehr großer Prozentsatz der Carsharing-Fahrzeuge ist elektrisch betrieben und fährt somit emissionsfrei

Nicht alles was glänzt ist auch Gold

  • Für Berufspendler ungeeignet, da meistens nicht nur die gefahrene Strecke, sondern auch die Nutzungsdauer berechnet wird
  • Spontanität ist ausgeschlossen: Ob ein Auto auch wirklich da steht, wo man es gerade braucht, ist unsicher
  • Außerhalb von Großstädten ist das Angebot eingeschränkt, was den Nutzen auf städtische Gebiete begrenzt und für Landbewohner ausschließt
  • Gerade in Deutschland ist das Auto das Statussymbol Nummer 1, Carsharing widerspricht der Funktion des Statussymbols

Eine deutsche Idee

Seinen Ursprung hat das Carsharing im Land von BMW, Mercedes und Porsche, in Deutschland. In Berlin eröffnete Markus Petersen 1988 das erste Carsharing-Unternehmen StattAuto. Die Presse berichtete damals schon, es werde am „Ende der Automobilindustrie“ gearbeitet, jedoch passierte genau das Gegenteil. Die Absätze im Automobilmarkt steigen durchgehend und auch Carsharing-Unternehmen wachsen stetig, wenn auch nur langsam. So spricht die „ZEIT“ von einer „Revolution im Zuckeltempo“ und verweist auf eine Studie, nach der gerade einmal 1,5 Prozent der Fahrberechtigten Carsharing genutzt hätten.

Elektrische Verführung inklusive

Car2Go-Smart beim Laden in Stuttgart
Car2Go-Smart beim Laden in Stuttgart © Frank Gaertner 300451181/Shutterstock.com

Die Autohersteller arbeiten gerne mit Carsharing-Unternehmen zusammen, wie der Zusammenschluss von BMW mit Sixt zeigt. DriveNow hat seit zwei Jahren europaweit eine Flotte von 800 elektrisch betriebenen BMW i3 im Programm und kann jetzt schon 130.000 elektrische Fahrten verbuchen, im Schnitt 17 am Tag mit dem i3. Bei den meisten Kunden handelte es sich um die erste Fahrt mit einem elektrisch betriebenen Auto – bei den meisten werden viele weitere folgen.

Ein weiteres Beispiel ist die Mercedes-Benz-Tochter Daimler Mobility Services GmbH, die unter dem Namen „Car2Go“ Carsharing in deutschen Großstädten anbietet. Die blauweißen Elektro-Smarts gehören in Stuttgart schon längst zum Stadtbild. Auf eigens für Car2Go eingerichteten Parkplätzen werden die Autos abgeholt, zurückgebracht und während des Parkens sogar wieder aufgeladen. Das Smartphone fungiert als Türöffner, ortet die Fahrzeuge und zeigt Informationen über deren Ladezustand an.

Individuelle Mobilität im Vordergrund

InfografikTrotz der handfesten Vorteile von Carsharing ist für die meisten Deutschen das eigene Auto nicht wegzudenken. Eine aktuelle Befragung unter Kfz-Haltern zeigt, dass für die meisten das eigene Auto unverzichtbar ist. Als drei Hauptgründe wurden genannt:

  • Individuelle Mobilität
  • Notwendigkeit für den Beruf bzw. der Wohnsituation
  • Erhebliche Zeitersparnis

Des Weiteren lassen sich viele potenzielle Nutzer durch das Suchen des Carsharing-Fahrzeugs abschrecken.

Stolzes Statussymbol Smartphone

Das eigene Auto ist nach wie vor für den Großteil der Bevölkerung unabdingbar, jedoch verläuft der Trend bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen in eine andere Richtung. Für diese Personengruppe ist der Firmenwagen bzw. das eigene Auto kein Statussymbol mehr. Es entspricht dem heutigen Zeitgeist, sich mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortzubewegen und dank der Carsharing-Option trotzdem zeitlich unabhängig zu bleiben. Die Smartphone-Generation von heute möchte alles auf einem Blick haben und frei entscheiden können. Mobilitäts-Apps, wie zum Beispiel Moovel, vereinen diese Wünsche und erfreuen sich enormer Beliebtheit in der heutigen Zeit.

Privates Carsharing im Kommen

Zu den großen Anbietern wie DriveNow oder Car2Go gesellen sich immer mehr kleinere, private Anbieter, wie etwa in Potsdam, wo es Carsharing-Angebote nur in der Innenstadt oder Babelsberg gibt, jedoch nicht in Potsdam-West. Hier hat sich die Stadtteil-Initiative StadtTeilAuto als Ziel gesetzt, nachhaltige Mobilität im Stadtteil weiterzubringen. Sie bietet eine Plattform, in der sich Interessierte austauschen und privat Autos sharen können. Bislang haben sich 280 Potsdamer der Initiative angeschlossen, viele davon kennen sich.

Individualität ist Definitionssache

Carsharing ist ganz klar im Aufschwung. Autohersteller nutzen die Situation und kooperieren mit Anbietern oder, im Falle von Car2Go, bieten Carsharing aus eigenem Haus an. Für die Automobilhersteller ist es die denkbar beste Werbung, wenn ihre Modelle gefahren und gesehen werden – BMW zum Beispiel hat es geschafft, durch DriveNow den BMW i3 in das Stadtbild von heute zu etablieren und für Interessierte erreichbar zu machen. BMW zu fahren, ohne einen ganzen BMW zu zahlen – das klingt schon verlockend.

Das Auto ist jedoch gerade in Deutschland ein Statussymbol und das ändert sich, wenn überhaupt, dann nur langsam. Vielleicht schafft es die neue Smartphone-Generation, eine Zeit einzuläuten, in der sich die Individualität durch individuelle Verbindungen anstelle des individuellen Fahrzeugs identifizieren kann – man darf gespannt sein.

1 KOMMENTAR

  1. Ich sehe in Hamburg immer die kleinen Carsharing-Flitzer durch die Gegend heizen, oder am Bahnhof stehen. Gerade in der Großstadt ist es ideal, da man dort dann immer ein eigenes Auto benötigt und somit den Verkehr entlastet.
    Gruß
    Christian

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