Carsharing Geschichte in Deutschland: Von den Anfängen in der Schweiz über Stattauto bis car2go und DriveNow
Das erste Carsharing in Deutschland hatte fünf Nutzer und ein Auto. Es startete 1988 in Berlin als Praxistest für eine Doktorarbeit, so beschreibt es der Bundesverband CarSharing (bcs) in seiner Broschüre „30 Jahre CarSharing in Deutschland“ aus dem Jahr 2018. Die Carsharing Geschichte beginnt damit anders als ihr Ruf. Nicht Konzerne haben die Idee ins Land gebracht; die Pioniere, schreibt der bcs, suchten nicht in erster Linie ein neues Geschäftsmodell, sondern eine realistische Alternative zum privat besessenen Auto.
Die Anfänge: 1948 in Zürich, 1988 in Berlin
Wer die Carsharing Geschichte nachliest, stößt auf Quellen, die lange vor den Hersteller-Diensten einsetzen. Die Wikipedia nennt als erste dokumentierte Carsharing-Organisation die Selbstfahrergenossenschaft SEFAGE in Zürich, gegründet 1948. Über deren Alltag ist wenig bekannt. Die Anfänge, die bis heute nachwirken, liegen vierzig Jahre später, und sie liegen gleichzeitig an mehreren Orten.
| Jahr | Ereignis | Quelle |
|---|---|---|
| 1948 | Selbstfahrergenossenschaft SEFAGE in Zürich | Wikipedia, Artikel „Carsharing“ |
| 1987 | AutoTeilet-Genossenschaft (Stans) und ShareCom (Zürich) | Wikipedia |
| 1988 | stadt-AUTO in Berlin: 5 Nutzer, 1 Fahrzeug | bcs, „30 Jahre CarSharing“ |
| 1990 | STATTAUTO CarSharing GmbH, erste Carsharing-Firma | bcs |
| 1990/91 | Angebote in Aachen, Bremen, Dortmund, Düsseldorf, Franken, Frankfurt, Freiburg, Gießen, Hamburg, Kassel | bcs |
| 1993 | erster Bordcomputer, erfunden an der Universität Siegen | bcs |
| 1997 | Bordcomputer tauschen Reservierungs- und Fahrdaten mit der Zentrale aus | bcs |
| 1998 | Gründung des Bundesverbands CarSharing; 58 der 100 aktiven Angebote werden Mitglied | bcs |
| 1999 | stadtmobil-Gruppe aus Karlsruhe, Rhein-Neckar und Stuttgart | bcs |
| 2000 | StadtteilAuto Aachen, StadtAuto Bremen und STATTAUTO Köln werden cambio | bcs |
| 2008 | car2go startet in Ulm, zunächst nur für Daimler-Mitarbeiter | bcs |
| 2011 | DriveNow startet in München | Wikipedia |
| 2012 | stadtmobil Hannover erfindet das kombinierte Angebot | bcs |
| 2017 | Carsharinggesetz tritt am 1. September in Kraft | bcs |
| 2019 | car2go und DriveNow fusionieren zu Share Now | Wikipedia |
| 2022 | Stellantis übernimmt Share Now | Wikipedia, electrive |
Die Tabelle zeigt, wo die Weichen gestellt wurden. Der Wechsel von der Idee zur Branche fiel in die Jahre 1990 und 1991, als an zehn Orten gleichzeitig Initiativen gegründet wurden, die ersten Anfänge eines Marktes. Danach brauchte es Technik. Ohne Bordcomputer und den Kartenleser hinter der Windschutzscheibe, die der bcs ab 1993 beziehungsweise 1997 beschreibt, hätte kein Anbieter hunderte Autos verwalten können. Und es brauchte Verbünde. 1998 schlossen sich zwei konkurrierende Dachverbände zum bcs zusammen, kurz darauf entstanden mit stadtmobil und cambio die Gruppen, die bis heute zu den größten stationsbasierten Anbietern gehören.
Wie leise dieses Wachstum zunächst verlief, zeigt die Zeitreihe des bcs. 1997 waren in Deutschland 19.000 Fahrberechtigte angemeldet, die Anbieter teilten sich 1.100 Fahrzeuge; im Januar 2000 waren es 38.000 Fahrberechtigte und 1.700 Fahrzeuge, im Januar 2011 190.000 und 5.000. In vierzehn Jahren verzehnfachte sich die Kundenzahl (eigene Rechnung). Danach beschleunigte sich alles: Von 2011 bis 2015 stieg die Zahl auf das 5,5-Fache, auf 1.040.000. Die Anfänge dauerten also fast ein Vierteljahrhundert, bevor aus einer Nische ein Massenmarkt wurde.
Schweiz: Genossenschaften als Vorbild
Die Schweiz taucht in jeder Carsharing Geschichte auf, aber selten mit Details. Neben der Zürcher Genossenschaft von 1948 gründeten sich 1987 die AutoTeilet-Genossenschaft in Stans und ShareCom in Zürich, die sich 1997 zur Mobility Genossenschaft verbanden, so die Wikipedia. Von der Schweiz aus führt eine belegte Linie nach Deutschland: 1991 gründeten Anbieter aus beiden Ländern die Dachorganisation European CarSharing (ECS), aus deren deutscher Sektion 1998 der bcs hervorging. Auch die Rechtsform blieb prägend: Nach dem bcs werden rund 40 Prozent der Angebote in Deutschland von Vereinen organisiert, viele davon ehrenamtlich (Stand Mai 2018).
Stattauto: Aus einem Auto wird eine Branche
Stattauto steht in Deutschland für den Anfang, und seine Geschichte zeigt, wie fragil das Geschäft war. Aus dem Berliner Praxistest wurde 1990 die STATTAUTO CarSharing GmbH. Die Wikipedia beschreibt den weiteren Weg: Hamburg gründete 1991 einen eigenen Verein, 1998 schlossen sich Berlin und Hamburg zur StattAuto CarSharing AG zusammen, der ersten deutschen Aktiengesellschaft im Carsharing. 2004 stieg das niederländische Unternehmen CollectCar ein, 2006 folgte die Umbenennung in Greenwheels. Greenwheels stellte den Betrieb in Deutschland laut Wikipedia am 30. September 2022 ein, nachdem Volkswagen sein Carsharing auf das Elektroangebot WeShare konzentriert hatte. Wie Volkswagen 2013 bei Greenwheels einstieg, steht in einer Meldung.
In München läuft die Geschichte anders. Stattauto München bietet laut einer Meldung von 2017 seit 1992 Carsharing an, und als das Finanzamt dem Betreiber 2017 die Gemeinnützigkeit aberkannte, stand eine Nachzahlung von einer Million Euro im Raum. Die Carsharing Geschichte der Stadt ist damit länger als die der Free-Floating-Dienste. Heute führt der bcs Stattauto München in seinem Städteranking 2024 als größten stationsbasierten Anbieter der Stadt.
car2go und DriveNow: Die Autohersteller kommen
Dass Autohersteller das Carsharing erfunden hätten, stimmt nicht. Sie haben es skaliert. car2go startete im Oktober 2008 als Pilotprojekt in Ulm, nach bcs-Darstellung zunächst nur für Mitarbeiter der Daimler-Entwicklungsabteilung, und gilt als erstes Free-Floating-Angebot der Welt. Im April 2011 ging car2go in Hamburg an den Start, bis 2014 zählte die Stadt 80.000 Kunden (Meldung vom Juli 2014). DriveNow, die Kooperation aus BMW und Sixt, begann am 9. Juni 2011 in München mit 300 Fahrzeugen. Sixt hatte zuvor in Berlin ein stationsbasiertes Angebot betrieben, schreibt der bcs.
Mit car2go und DriveNow kam ein anderes Tempo. In den Jahren nach dem Start stieg die Zahl der Fahrberechtigten in Deutschland laut bcs-Zeitreihe von 262.000 im Januar 2012 auf 1.040.000 im Januar 2015 (Jahresbilanz 2014) und auf 2.110.000 im Januar 2018. DriveNow meldete im Oktober 2017 weltweit eine Million Kunden (Meldung). Nicht jeder Neuling überlebte. Spotcar startete im August 2014 mit 100 Fahrzeugen in Berlin und stellte nach neun Monaten den Dienst ein (Meldung vom Mai 2015), CiteeCar stellte im Dezember 2015 kurz vor dem dritten Geburtstag in Deutschland einen Insolvenzantrag (Meldung), und Multicity von Citroën, 2012 als rein elektrischer Dienst gestartet, wurde zum 29. Oktober 2017 eingestellt. Aus dem Berliner Anbieter drive by wurde im November 2018 Miles, der heute nach der bcs-Auswertung größte Free-Floating-Anbieter in München und Hamburg.
Im Mai 2018 hielt der bcs den Stand fest: 165 Anbieter in 677 Orten, 17.950 Fahrzeuge und 2,1 Millionen angemeldete Kunden, wobei 336 der Orte weniger als 20.000 Einwohner hatten. Die größten Free-Floating-Angebote nach Flottengröße waren car2go und DriveNow, bei den stationsbasierten stadtmobil und cambio.
Die stationsbasierten Anbieter reagierten. Seit 2012 bietet stadtmobil Hannover kombinierte Systeme an, bei denen derselbe Anbieter Station und Free-Floating anbietet; der bcs spricht von einer deutschen Erfindung. Wie die Modelle sich unterscheiden, erklärt der Beitrag zu den Carsharing-Varianten.
Gesetz und Plattformen: Die Bahn, der Bundestag und das Carsharinggesetz
Neben den Start-ups arbeiteten Politik und ein Bahnkonzern am Rahmen. Die Deutsche Bahn betrat 2001 mit DB Carsharing und eigenen Fahrzeugen die Bühne, schuf nach bcs-Darstellung ein bundesweit geltendes Tarifmodell und bot anderen Anbietern an, ihre Buchungsplattform Flinkster zu nutzen. 2015 verknüpften Flinkster und das car2go-Angebot ihre Plattformen, damit standen Kunden mehr als 7.000 Fahrzeuge zur Verfügung (Meldung vom Juni 2015).
Der Gesetzgeber brauchte länger. 2005 beschloss der Bundestag den Auftrag an die Bundesregierung, eine gesetzliche Regelung für öffentliche Carsharing-Stationen zu entwickeln. Ein erster Entwurf des Verkehrsministeriums scheiterte 2007 am Veto des Bundeswirtschaftsministeriums, 2013 forderte der Bundesrat Maßnahmen zur Stärkung des Carsharing, und erst am 1. September 2017 trat das Carsharinggesetz in Kraft. Die Einrichtung von Carsharing-Stellplätzen im öffentlichen Raum steht seither auf einer bundesweiten Rechtsgrundlage, und das Gesetz hebt ausdrücklich die verkehrs- und umweltentlastende Wirkung des Carsharing hervor. So beschreibt es die bcs-Broschüre.
Von Share Now zu Free2move: Die Branche konsolidiert
Im Februar 2019 endete der Wettbewerb zwischen den beiden Marken: car2go und DriveNow fusionierten zu Share Now, einem Gemeinschaftsunternehmen von Daimler und BMW. Die Fusion zeigte sich sofort in der Statistik: Der bcs wies für den 1. Januar 2020 im Free-Floating-Segment einen Rückgang der Fahrberechtigten um 230.000 aus, bedingt durch die Zusammenführung der Kundendaten, weil Kunden zuvor doppelt angemeldet oder nicht neu registriert waren. Die Zahlen stehen im Beitrag zur Carsharing Statistik.
2022 übernahm Stellantis das Unternehmen, laut Wikipedia schrittweise integriert in Free2move. Electrive berichtete am 8. Oktober 2024, die Integration sei abgeschlossen und die Marke Share Now beendet; die Dienste laufen in der Free2move-App. Am 5. Oktober 2026 leitete share-now.com per Weiterleitung auf Free2move um. Wie die Tarife heute aussehen, zeigt der Preisindex.
Eine Randnotiz zum Schluss, die in keiner Chronik steht. 2012 erwartete eine Studie von Frost & Sullivan für das Jahr 2020 bis zu 15 Millionen Carsharing-Nutzer in Europa (Meldung vom September 2012); Ende 2011 gab es nach derselben Studie 0,7 Millionen. Die deutschen Zahlen des bcs für Januar 2020 lauten 2,29 Millionen Fahrberechtigte. Ob Europa die Prognose erreichte, lässt sich daraus nicht ablesen, weil die Zählweisen verschieden sind.
Häufige Fragen
Wann begann die Carsharing Geschichte in Deutschland?
1988 in Berlin. Das erste deutsche Angebot startete nach Angaben des Bundesverbands CarSharing als Praxistest für eine Doktorarbeit, mit fünf Nutzern und einem Fahrzeug. 1990 folgte mit der STATTAUTO CarSharing GmbH die erste Carsharing-Firma, ab 1990 und 1991 entstanden Angebote unter anderem in Aachen, Bremen, Freiburg, Frankfurt und Hamburg.
Wo gab es das erste Carsharing der Welt?
Als erste dokumentierte Carsharing-Organisation nennt die Wikipedia die Selbstfahrergenossenschaft SEFAGE in Zürich, gegründet 1948. Das erste deutsche Angebot folgte 1988 in Berlin. In der Schweiz entstanden 1987 mit der AutoTeilet-Genossenschaft in Stans und ShareCom in Zürich zwei weitere Genossenschaften, die sich 1997 zu Mobility zusammenschlossen.
Was ist der Unterschied zwischen car2go und DriveNow?
car2go gehörte zu Daimler, DriveNow zu BMW und Sixt. Beide boten Free-Floating-Carsharing in deutschen Großstädten, car2go startete 2008 als Pilotprojekt in Ulm, DriveNow im Juni 2011 in München. Im Februar 2019 fusionierten die Dienste zur Marke Share Now, die Stellantis 2022 übernahm und die heute unter Free2move läuft.
Was wurde aus Stattauto?
Stattauto Berlin und Hamburg schlossen sich 1998 zur StattAuto CarSharing AG zusammen, aus der nach Wikipedia über CollectCar ab 2004 und der Umbenennung 2006 Greenwheels wurde. Greenwheels stellte den Betrieb in Deutschland laut Wikipedia am 30. September 2022 ein. Stattauto München besteht als eigenständiger Anbieter weiter.
Wann wurde das Carsharinggesetz beschlossen?
Das Carsharinggesetz (CsgG) trat am 1. September 2017 in Kraft, nachdem ein erster Gesetzentwurf 2007 am Veto des Bundeswirtschaftsministeriums gescheitert war. Es stellte die Einrichtung von Carsharing-Stellplätzen im öffentlichen Raum erstmals auf eine bundesweite Rechtsgrundlage und hebt laut Bundesverband CarSharing die verkehrs- und umweltentlastende Wirkung des Carsharing hervor.